Jeder möchte ein Held sein, ganz besonders Geeks wie ich. Und Motivations- und Produktivitäts-Ratgeber steigern gern die Bereitschaft dazu. Ihre Botschaft: Wer sich durch eine Krise durchbeißt anstatt aufzugeben, erntet am Ende den Triumph. Man muss sich nur ausreichend Mühe geben und die richtigen Methoden anwenden — die man natürlich von den Ratgebern lernen kann.
Das ist Quatsch. Wahre Selbstadministration hat viel damit zu tun, die eigenen Fähigkeiten, aber auch die eigenen Grenzen zu erkennen und konsequent mit ihnen umzugehen.
Nehmen wir einmal an, Du hast eine Aufgabe angenommen und für sie einen Aufwand von zwei Stunden veranschlagt. Drei Stunden später stellst Du jedoch fest, dass erst ein Viertel erledigt ist. Die Schätzung war komplett daneben. Zeit, ein ganzer Mann respektive eine ganze Frau zu sein. “Jetzt kann ich ja auch nicht mehr aufhören. Ich hab schon drei Stunden reingesteckt! Das wär’ doch gelacht, wenn ich das nicht hinbekomme.” Der Held in Dir übernimmt, krempelt die Ärmel hoch, schaltet mit zornigem Blick E-Mail, IM und andere Störungsquellen ab und stürzt sich mit noch mehr Schwung in die Arbeit. Manchmal klappt das sogar.
Aber wie sieht es denn jetzt mit Kosten und Nutzen aus? Aus zwei Stunden wurden zwölf. Wie viele wichtige Dinge hätten in dieser Zeit erledigt werden können? Du musstest sie verdrängen, weil dir Deine Fehleinschätzung peinlich war. Mit Produktivität hat das nichts mehr zu tun.
Es ist wichtig, ein Tal von einer Sackgasse zu unterscheiden. Marketing-Guru Seth Godin hat über diesen Unterschied ein interessantes Buch mit dem Titel The Dip geschrieben. Seine Botschaft: Manche Talsohlen (“Dips”) wollen durchschritten und ihre Wände erklommen werden, um zu neuen Höhen zu kommen. Aber manche Dinge fallen einfach deshalb schwer, weil sie schlicht die falschen Dinge sind! Wer sie nicht erkennt und nicht aufgibt, wird viel Energie, Zeit und Geld sinnlos verbrennen.
Das gilt gleichermaßen für Unternehmen wie für Einzelpersonen. Ein kritischer Blick (manchmal muss er von außen kommen, weil er von Scheuklappen versperrt wird) und eine beherzte Entscheidung können der Schlüssel dazu sein, sich neu zu orientieren und etwas anderes zum Erfolg zu führen; sei es eine Produkteinführung oder eine Karriereentscheidung.
Die Welt braucht Helden — in Situationen, in denen ein hohes Risiko eingegangen werden muss, um das drohende Unheil abzuwenden. Die sind selten. Wer glaubt, dass es immer nur ausreichend viel Mühe braucht, um Großes zu erreichen, ruft auch bei Call-in-TV-Sendungen an.
November 8th, 2007 at 09:35
[...] Namensvetter Jochen vom Selbstadministrations-Blog schreibt ein flammendes Plädoyer gegen das Heldentum im Job: Manche Talsohlen wollen [...]