“Kein Wind ist demjenigen günstig, der nicht weiß, wohin er segeln will.” Dieses Zitat von Michel de Montaigne trifft auf alle Aspekte des Lebens zu. Erst wenn wir wissen, wohin die Reise gehen soll, können wir uns auf dieses Ziel ausrichten, den Weg beginnen und unterwegs immer wieder prüfen, ob eine Kurskorrektur notwendig ist. Deshalb soll es in diesem Eintrag um Ziele gehen.
Für eine Neuorientierung gibt es zwei Ansätze: einen schweren und einen leichten.
Die schwere Variante besteht darin, das Ruder komplett herumzureißen und auf einen Schlag große Umwälzungen in Gang zu setzen. Dieser Ansatz wird oft von Menschen gewählt, die wichtige Veränderungen immer wieder vor sich her geschoben haben und plötzlich, zum Beispiel durch einen Herzinfarkt, deren dringende Notwendigkeit erkennen. Ich will gar nicht lästern, denn ich kenne diese Art der Neuorientierung aus eigener Erfahrung. Zum Beispiel habe ich nach meinem Studium meine Finanzen so lange vernachlässigt, bis mich meine Bank in freundlichem, aber bestimmtem Ton zu einem Gespräch einlud, um mit mir die Ziele meiner Rückzahlungen zu besprechen.
Heute ist mir der leichte Ansatz lieber. Er besteht darin, in kurzen Abständen behutsame Kurskorrekturen vorzunehmen. Die japanische Sprache kennt dafür ein eigenes Wort: “kaizen”. Über die Lean-Manufacturing-Bewegung hielt es auch in die Geschäftswelt Einzug und bezeichnet mittlerweile weltweit das Konzept der kontinuierlichen Verbesserung auf allen Ebenen eines Unternehmens.
Dieses Prinzip der kleinen Schritte hilft, den größten Feind der Veränderung in Schach zu halten: die Angst. Große Umwälzungen rufen sofort bei den Betroffenen Widerstand und Beharrungskräfte auf den Plan. Kleine Korrekturen hier und da hingegen sind einfach zu nehmen, liefern schnelle Ergebnisse und zeigen Alternativen für die nächsten Schritte auf.
Wie schon eingangs erklärt, ist dabei wichtig, definierte Ziele zu haben, auf die alle Korrekturen ausgerichtet sind. Solche Ziele können wir für alle Aspekte des Lebens definieren:
Für jeden dieser Aspekte können wir ein oder mehrere Ziele definieren, indem wir zunächst Inventur halten, was uns im jeweiligen Bereich wichtig ist. Aus diesen Erkenntnissen leiten wir dann klare, messbare Ziele sowie konkrete Maßnahmen ab.
Nehmen wir als Beispiel den ersten Bereich, “Finanzen”. Angenommen, mir ist es wichtig, finanziell auf stabilen Beinen zu stehen und kurzfristige Rückschläge gut überstehen zu können. Dann könnte ein messbares Ziel lauten: “Bis Ende dieses Jahres werde ich einen Notgroschen in Höhe von X Euro zur Seite legen.” Und die passende Maßnahme: “Dazu überweise ich jeden Monat Y Euro auf ein Tagesgeldkonto.” Viele mögen sich auch mit dem Thema “Gesundheit” identifizieren: “Bis Ende des Jahres werde ich mein Gewicht auf 85kg verringern. Dazu werde ich mindestens zwei Mal in der Woche das Fitnessstudio besuchen und Bier nur noch während der Sportschau1 trinken”.
Und dieses Ziel schreibe ich dann, zusammen mit den Maßnahmen zu seiner Erreichung, auf. Das ist die wichtigste Handlung, um ein Ziel zu erreichen! Aufschreiben: mindestens das Ziel und am besten auch die konkreten Schritte, die mich ihm näher bringen. Schwarz auf weiß (oder grün auf schwarz, falls man dafür lieber WordStar einsetzt) dokumentiert, kann ich mir meine Ziele immer wieder unverfälscht vor Augen führen, wie ich sie ursprünglich definiert hatte.
Noch stärker wird ein Ziel, wenn ich es öffentlich mache. Es muss ja nicht gleich eine Anzeige in der FAZ sein. Es reicht schon, eine Freundin, einen Berater oder Lebenspartner hinzuzuziehen, denen ich mitteile, welches Ziel mir wichtig ist. So gewinne ich Mitstreiter, die mir helfen können, auf Kurs zu bleiben. Außerdem baut sich dabei ein bisschen Druck auf, was manchmal auch ganz gut ist. Auch Social Media kann dafür eine Plattform sein: Für das “Berichten über die eigene Gewichtsentwicklung im Web” hat sich schon vor Jahren ein kürzerer Begriff eingebürgert: “Fatblogging”.
Wenn ich aus leidhafter Erfahrung befürchten muss, dass ich mich gern an entscheidenden Stellen aus der Affäre ziehe und schnell eine triftige Ausrede für Kursabweichungen zur Hand habe, dann kann ich mich dem Freund, Berater oder Partner gegenüber auch zur Rechenschaft verpflichten. Ich lege nicht nur offen, was ich gern erreichen möchte, sondern auch, welche Maßnahmen ich ergreifen werde, um meinem Ziel Schritt für Schritt näher zu kommen. Wichtig ist dabei, von Anfang an konkret zu sein: Was werde ich tun? Wann werde ich es tun? Wie erhält mein Rechenschafts-Partner Einblick in meine Fortschritte? Dann beginnt ein Kreislauf aus Berichterstattung, Analyse der Fortschritte und daraus abgeleiteten Entscheidungen, der mich schließlich zum Ziel führt. Nicht umsonst ist das die Standardmethode im professionellen Coaching.
Manchmal kann es auch passieren, dass ich mich bewusst entscheide, mein Ziel nicht zu erreichen. Vielleicht haben sich die Umstände geändert, vielleicht hat das Ziel mittlerweile seinen ursprünglichen Sinn für mich verloren. Kein Problem. Es ist besser, schon nach einem Stück des Weges zu erkennen, dass er für mich nicht mehr der richtige ist, als große und vielleicht sogar schmerzhafte Umwälzungen durchzustehen und erst dann zu erkennen, dass sie sinnlos waren.
Zum Schluss fasse ich zusammen, was wichtig ist, wenn wir Veränderungen bewusst und zielsicher herbeiführen wollen:
Wie sehen eure Erfahrungen mit Zielen aus? Was hilft euch, den richtigen Kurs zu finden und beizubehalten?
Die Sportschau gibt’s noch, oder? Ich habe schon lange keinen Fernseher mehr… ↩
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